KNX im Wohnbau

KNX Jalousiesteuerung — Beschattung, Sonnenschutz und Energieeffizienz intelligent gelöst

KNX Jalousiesteuerung aus Integrator-Sicht: Rollladen vs. Jalousie vs. Raffstore, Sonnenstandsnachführung, Fassadenkonzept, Windschutz, Energieeinsparung und typische Fehler.

Aktualisiert: 05. März 202616 Min. Lesezeit

Wenn das Haus weiß, wo die Sonne steht

Stellen Sie sich einen Julitag vor. Die Morgensonne trifft ab 7 Uhr auf die Ostfassade — die Raffstores im Schlafzimmer fahren herunter, aber die Lamellen stehen so, dass Sie noch Tageslicht sehen, ohne geblendet zu werden. Um 10 Uhr wandert die Sonne zur Südfassade. Ohne dass Sie einen Finger rühren, schließen sich die Jalousien im Wohnzimmer — und zwar exakt in dem Winkel, der direktes Sonnenlicht blockiert, aber diffuses Licht durchlässt. Das Büro an der Westseite? Bleibt bis 14 Uhr offen, weil die Sonne dort noch nicht stört.

Nachmittags zieht Wind auf, 45 km/h in Böen. Alle Außenjalousien fahren selbständig in Sicherheitsposition. Zwanzig Minuten später beruhigt sich der Wind, und die Beschattung übernimmt wieder — automatisch, fassadenweise, lamellengenau.

Abends, wenn die Sonne untergeht, fahren alle Rollläden auf Sichtschutzposition. Nicht komplett geschlossen — nur so weit, dass von außen niemand hineinschauen kann, aber Sie noch den Abendhimmel sehen.

Das ist keine Zukunftsmusik. Das ist KNX-Beschattungssteuerung, wie ich sie seit Jahren plane und programmiere. Und der Unterschied zwischen einer durchdachten Anlage und einer nervigen, die ständig zur falschen Zeit rauf- und runterfährt, liegt nicht in der Hardware — sondern im Konzept dahinter.

Warum Beschattung mehr als Auf und Ab ist

Wenn Bauherren an Jalousiesteuerung denken, denken sie an einen Timer: morgens hoch, abends runter. Das kann jede Zeitschaltuhr für 15 Euro. Dafür braucht man kein KNX.

KNX-Beschattung ist etwas fundamental anderes. Sie verbindet vier Informationsquellen zu einer intelligenten Entscheidung:

1. Sonnenstand. Berechnet aus GPS-Koordinaten, Datum und Uhrzeit. Das System weiß zu jeder Sekunde, wo die Sonne steht — Azimut (Himmelsrichtung) und Elevation (Höhe über dem Horizont).

2. Wetterdaten. Helligkeit (Lux), Windgeschwindigkeit, Regen, Außentemperatur. Geliefert von einer KNX-Wetterstation auf dem Dach.

3. Fassadengeometrie. Welche Fassade zeigt wohin? Gibt es Dachüberstände, Balkone, Nachbargebäude, die Schatten werfen? Das wird einmalig konfiguriert.

4. Nutzungswünsche. Szenen, Zeitprogramme, Anwesenheit, Raumtemperatur. Wenn es im Wintergarten bereits 28 °C hat, fährt die Beschattung herunter — auch wenn der Helligkeitswert allein das noch nicht auslösen würde.

Erst wenn all das zusammenkommt, entsteht eine Beschattung, die sich richtig anfühlt. Die nicht nervt. Die man nach zwei Wochen vergisst, weil sie einfach funktioniert.

Rollladen, Jalousie, Raffstore, Markise — was wofür?

Einer der häufigsten Fehler bei der Beschattungsplanung: Alle Fenster bekommen denselben Behangtyp. Dabei hat jeder Typ seine Stärken — und seine klaren Grenzen.

Behangtyp Lichtlenkung Sichtschutz bei Tageslicht Einbruchschutz Windstabilität Wärmedämmung Typischer Einsatz
Rollladen Keine (nur auf/zu) Nur geschlossen Gut (RC2 möglich) Sehr gut Gut (Luftpolster) Schlafzimmer, EG, Sicherheit
Außenjalousie Sehr gut (Lamellen) Ja, bei gekippten Lamellen Gering Mittel (bis ~50 km/h) Gering Wohnräume Süd/West
Raffstore Exzellent (50-80mm Lamellen) Ja, stufenlos Gering Mittel (bis ~55 km/h) Gering Büro, große Fensterflächen
Markise Flächenbeschattung Nein Nein Gering (bis ~35 km/h) Nein Terrasse, Wintergarten
Textilscreen Gut (je nach Gewebe) Ja, blickdicht von außen Gering Gut (bis ~70 km/h) Mittel Moderne Fassaden, Gewerbe

Meine Empfehlung als Integrator: Die meisten Einfamilienhäuser profitieren von einer Kombination. Raffstores an den Süd- und Westfenstern, wo Lichtlenkung den größten Mehrwert bringt. Rollläden an den Schlafzimmern und im Erdgeschoss, wo Einbruchschutz und Verdunkelung zählen. Markise auf der Terrasse. Und an der Nordfassade? Oft gar nichts — oder einfache Innenjalousien, denn dort blendet die Sonne praktisch nie direkt.

Sonnenstandsnachführung — das Herzstück einer Premium-Beschattung

Sonnenstandsnachführung klingt kompliziert. Ist es nicht — wenn man versteht, was das System tut.

Azimut und Elevation

Die Sonne wandert im Laufe des Tages über den Himmel. Ihre Position lässt sich mit zwei Winkeln beschreiben:

  • Azimut: Die Himmelsrichtung. 0° = Nord, 90° = Ost, 180° = Süd, 270° = West.
  • Elevation: Die Höhe über dem Horizont. 0° = Horizont, 90° = senkrecht über Ihnen.

Am 21. Juni (längster Tag) erreicht die Sonne in Deutschland eine Elevation von rund 63°. Am 21. Dezember nur etwa 16°. Das bedeutet: Im Winter fällt die Sonne flach ins Fenster — tief stehende Wintersonne ist das Blendproblem schlechthin. Im Sommer steht sie steil, und ein Dachüberstand reicht oft als Sonnenschutz.

Was die Nachführung macht

Das KNX-System berechnet sekündlich den Sonnenstand. Für jede Fassade ist hinterlegt:

  • Fassadenausrichtung (z. B. 195° = leicht südwestlich)
  • Verschattungsbereich: Ab welchem Azimut trifft die Sonne auf diese Fassade? Bis welchem?
  • Horizontlinie: Gibt es Berge, Bäume oder Nachbargebäude, die die Sonne zu bestimmten Zeiten verdecken?

Wenn die Sonne in den Verschattungsbereich einer Fassade eintritt und die Helligkeit über dem Schwellenwert liegt, fährt der Behang herunter. Und dann passiert das Entscheidende: Die Lamellenposition wird kontinuierlich nachgeführt. Bei Jalousien und Raffstores bedeutet das:

  • Steht die Sonne hoch (60° Elevation) → Lamellen fast waagerecht
  • Steht die Sonne tief (20° Elevation) → Lamellen steil gekippt
  • Sonne wandert → Lamellenwinkel folgt im 10-15-Minuten-Takt

Das Ergebnis: Kein direktes Sonnenlicht auf dem Schreibtisch, aber maximales Tageslicht im Raum. Energieeinsparung bei der Beleuchtung, weil das Kunstlicht aus bleibt.

Die Tücken in der Praxis

Sonnenstandsnachführung funktioniert nur, wenn die Lamellenbreite und der Lamellenabstand korrekt in der Konfiguration hinterlegt sind. 50-mm-Lamellen verhalten sich anders als 80-mm-Lamellen. Wenn diese Werte nicht stimmen, passt der berechnete Winkel nicht — und es blendet trotzdem.

Außerdem: Nach einem Stromausfall muss die Anlage eine Referenzfahrt machen (komplett hoch, dann positionieren), weil der Aktor die aktuelle Position verloren hat. Ohne Referenzfahrt stimmt die Lamellenposition nicht, und die Nachführung läuft ins Leere.

Das Fassadenkonzept — warum jede Himmelsrichtung anders behandelt wird

Ein häufiger Denkfehler: „Mach einfach alle Jalousien gleich." In der Praxis braucht jede Fassade ihr eigenes Programm.

Ostfassade (Morgensonne)

Parameter Einstellung
Beschattung aktiv Sonnenaufgang bis ca. 11:30 Uhr
Priorität Blendschutz am Frühstückstisch
Besonderheit Kurze Beschattungsdauer, Sonne steigt schnell
Empfehlung Jalousie mit Nachführung, morgens automatisch

Die Ostfassade ist morgens intensiv, aber kurz. Viele Bewohner wollen hier manuell steuern — die Morgensonne beim Frühstück genießen, aber beim Homeoffice abschirmen. Lösung: Automatik mit einfacher Override-Möglichkeit über einen Taster. Nach 2 Stunden ohne manuelle Bedienung springt die Automatik zurück.

Südfassade (ganztags)

Parameter Einstellung
Beschattung aktiv Ca. 10:00 bis 16:00 Uhr (Sommer), selten im Winter
Priorität Hitzeschutz + Lichtlenkung
Besonderheit Längste Beschattungsdauer, höchste solare Einstrahlung
Empfehlung Raffstore mit Sonnenstandsnachführung — Pflicht

Die Südfassade ist die wichtigste. Hier entscheidet sich, ob ein Raum im Sommer zur Sauna wird oder angenehm bleibt. Raffstores mit 80-mm-Lamellen und Nachführung sind hier der Standard bei Premium-Projekten.

Aber Achtung im Winter: Die tief stehende Wintersonne liefert kostenlose Wärme — ein enormer Hebel für die Heizungssteuerung. Ein kluges System beschattet nur bei Überhitzung (Raumtemperatur > Sollwert + 2 °C), nutzt aber passive Solargewinne, wenn die Heizung läuft.

Westfassade (Nachmittags- und Abendsonne)

Parameter Einstellung
Beschattung aktiv Ca. 13:00 bis Sonnenuntergang
Priorität Hitzeschutz — die aggressivste Fassade
Besonderheit Tief stehende Nachmittagssonne, höchste Überhitzungsgefahr
Empfehlung Raffstore oder Textilscreen, Beschattung großzügig

Die Westfassade wird oft unterschätzt. Die Nachmittagssonne trifft flach und lang auf die Fensterfläche — die Energie ist gebündelt, die Aufheizung extrem. In meiner Erfahrung sind 60 % aller „Mein Wohnzimmer ist eine Sauna"-Beschwerden Westfassaden-Probleme. Hier lieber zu früh beschatten als zu spät.

Nordfassade

Parameter Einstellung
Beschattung aktiv Nur im Hochsommer, morgens und abends kurz
Priorität Sichtschutz (keine Sonnenschutzfunktion)
Besonderheit Praktisch kein solarer Wärmeeintrag
Empfehlung Rollladen für Sichtschutz/Einbruchschutz, keine Automatik nötig

An der Nordfassade investieren Sie Ihr Geld besser woanders. Ein einfacher Rollladen reicht — morgens hoch, abends runter, fertig.

Wind, Regen, Frost — die Sicherheitslogik

Keine Beschattungssteuerung ohne Schutzfunktionen. Wind ist der Feind Nummer eins aller Außenbehänge.

Windgrenzwerte

Behangtyp Warnschwelle Alarmschwelle (sofort hoch)
Markise 25 km/h 35 km/h
Außenjalousie 35 km/h 50 km/h
Raffstore 40 km/h 55 km/h
Textilscreen 50 km/h 70 km/h
Rollladen Kein Limit Kein Limit

Warnschwelle: Das System positioniert den Behang windresistenter (z. B. Jalousie ganz geschlossen statt gekippt). Alarmschwelle: Sofort komplett einfahren, Automatik blockiert bis Windgeschwindigkeit 15 Minuten unter dem Wert bleibt.

Regenschutz

Bei Regen fahren alle Außenjalousien und Markisen ein. Rollläden können bleiben — sie sind wasserdicht. Wichtig: Der Regensensor sollte beheizt sein, damit er bei Frost nicht einfriert und bei leichtem Nieselregen nicht fälschlich auslöst.

Frostschutz

Unter 0 °C bleiben Außenjalousien und Raffstores in Sicherheitsposition (oben). Der Grund: Eis auf den Lamellen oder in den Führungsschienen kann die Mechanik beschädigen. Rollläden dürfen bei Frost fahren, sollten aber nicht in Zwischenpositionen stehen bleiben — ganz oben oder ganz unten.

Prioritäten-Logik

Was passiert, wenn die Sonne scheint, aber gleichzeitig starker Wind weht? In einer gut programmierten KNX-Anlage gibt es klare Prioritäten:

  1. Höchste Priorität: Windalarm — Behang fährt hoch, egal was die Sonne macht
  2. Hohe Priorität: Regenalarm — Einfahren bei empfindlichen Behängen
  3. Mittlere Priorität: Frostschutz — Jalousien bleiben oben
  4. Normale Priorität: Automatische Beschattung — Sonnenstand + Helligkeit
  5. Niedrigste Priorität: Manuelle Bedienung — wird von höheren Prioritäten übersteuert

Das heißt: Wenn Sie die Jalousie manuell herunterfahren und Sturm aufkommt, fährt das System den Behang trotzdem hoch. Ihr manueller Befehl wird nicht ignoriert — er wird gespeichert und nach dem Windalarm wiederhergestellt.

Szenen — wenn Beschattung zum Erlebnis wird

Einzelraumsteuerung ist gut. Szenen machen sie großartig.

Szene „Kino": Alle Rollläden im Wohnzimmer komplett geschlossen. Jalousien an den Seitenfenstern ebenfalls zu. Licht auf 10 %. Automatik deaktiviert für 3 Stunden.

Szene „Morgens": Rollläden im Schlafzimmer fahren langsam hoch (über 3 Minuten, nicht schlagartig). Jalousien im Bad auf Sichtschutz. Rest bleibt wie von der Automatik bestimmt.

Szene „Abwesenheit": Rollläden simulieren Anwesenheit — zu leicht unterschiedlichen Zeiten hoch und runter, nie alle gleichzeitig. Im Sommer: Beschattung aktiv für Hitzeschutz. Im Winter: Tagsüber offen für passive Solargewinne.

Szene „Lüften": Fensterkontakt meldet „offen" → Jalousie fährt in Lüftungsposition (halb offen), Automatik pausiert. Fenster schließt → Automatik übernimmt nach 5 Minuten.

Szenen werden über Taster, App, Sprachsteuerung oder automatisch ausgelöst (Zeitprogramm, Anwesenheitserkennung). In meinen Projekten programmiere ich immer mindestens sechs Grundszenen: Morgens, Tagsüber, Abends, Nacht, Abwesend und eine individuelle pro Raum.

Was eine professionelle Beschattungssteuerung kostet

Die Frage kommt in jedem Beratungsgespräch. Hier die ehrliche Antwort.

Komponenten-Kosten (Material, netto)

Komponente Preis pro Stück Bedarf EFH (typisch)
Jalousieaktor 4-fach 250–350 € 2–4 Stück (8–16 Ausgänge)
Jalousieaktor 8-fach 400–550 € 1–2 Stück (8–16 Ausgänge)
KNX-Wetterstation (inkl. Wind, Regen, Helligkeit, Temperatur) 350–800 € 1 Stück
Helligkeitssensor je Fassade (optional, wenn Wetterstation nur 1 Sensor hat) 80–150 € 0–3 Stück
Taster pro Raum (Jalousie hoch/runter/Lamelle) 80–200 € 5–10 Stück

Gesamt-Investition Beschattungssteuerung (nur KNX-Teil, ohne Behänge)

Projektgröße Material Programmierung Gesamt
Kleines EFH (8 Fenster) 800–1.400 € 400–600 € 1.200–2.000 €
Mittleres EFH (15 Fenster) 1.400–2.500 € 600–1.000 € 2.000–3.500 €
Große Villa (25+ Fenster) 2.500–4.500 € 1.000–2.000 € 3.500–6.500 €

Nicht vergessen: Die Behänge selbst (Jalousien, Raffstores, Rollläden) kosten ein Vielfaches der KNX-Steuerung. Zur Gesamtkalkulation einer KNX-Anlage (inkl. Licht, Heizung, Beschattung): KNX Kosten — was ein System wirklich kostet. Ein elektrischer Raffstore pro Fenster liegt bei 600–1.200 € inkl. Einbau. Die KNX-Steuerung ist also der kleinere Posten — aber sie macht aus einer einfachen Motorsteuerung ein intelligentes System.

Energieeinsparung — was Beschattung wirklich bringt

Automatische Beschattung spart Energie auf zwei Wegen:

Sommerliche Kühllast reduzieren

Ohne Beschattung heizt Sonneneinstrahlung Räume mit großen Süd- oder Westfenstern auf 30–35 °C auf. Eine Klimaanlage muss diese Wärme wieder abführen — das kostet Strom.

Szenario Kühllast Südfassade (6 m² Fenster) Strom/Jahr (Klimaanlage COP 3,5)
Keine Beschattung ~4.200 kWh thermisch/Jahr ~1.200 kWh/a ≈ 420 €
Manuelle Beschattung (50 % der Zeit) ~2.100 kWh thermisch/Jahr ~600 kWh/a ≈ 210 €
Automatische KNX-Beschattung (95 % Trefferquote) ~420 kWh thermisch/Jahr ~120 kWh/a ≈ 42 €

Ersparnis gegenüber manuell: ~370 €/Jahr allein an der Südfassade. Bei vier Fassaden und einer Klimaanlage rechnet sich die KNX-Beschattung innerhalb von 3–5 Jahren allein über die Stromkosten.

Passive Solargewinne im Winter

Das wird oft übersehen: Intelligente Beschattung spart auch Heizkosten. Im Winter lässt das System die Südfenster offen, solange die Sonne scheint — die kostenlose Wärme reduziert den Heizbedarf.

Monat Solare Wärmegewinne Südfassade (6 m²) Heizkosten-Ersparnis (Gas, 12 ct/kWh)
Oktober ~60 kWh ~7 €
November ~30 kWh ~4 €
Dezember ~20 kWh ~2 €
Januar ~25 kWh ~3 €
Februar ~45 kWh ~5 €
März ~70 kWh ~8 €
Heizperiode gesamt ~250 kWh ~30 €

30 € klingt wenig — aber das ist nur eine Fassade. Bei einem Haus mit Süd- und Westfenstern und einer Wärmepumpe (COP-bedingt günstiger zu heizen) verschiebt sich die Rechnung nochmals.

Insgesamt realistisch: 300–600 €/Jahr Energieeinsparung durch intelligente Beschattung in einem typischen Einfamilienhaus mit Klimaanlage und Wärmepumpe. Ohne Klimaanlage weniger — dann liegt der Hauptnutzen im Komfort (keine überhitzten Räume).

5 typische Fehler bei der Jalousiesteuerung — und wie Sie sie vermeiden

Fehler 1: Alle Fassaden gleich parametriert

Das System behandelt Ost, Süd, West und Nord identisch. Ergebnis: Die Ostfassade beschattet bis abends, obwohl die Sonne längst auf der Westseite steht. Oder die Nordfassade fährt bei jedem Sonnenaufgang im Hochsommer herunter.

Lösung: Jede Fassade bekommt ihren eigenen Azimut-Bereich. Die Investition in eine saubere Fassadenkonfiguration zahlt sich vom ersten Tag an aus.

Fehler 2: Keine Hysterese bei Helligkeitswerten

Der Helligkeitssensor misst 40.000 Lux → Beschattung fährt runter. Eine Wolke → 38.000 Lux → Beschattung fährt hoch. Sonne kommt zurück → wieder runter. Und so weiter. Die Jalousie fährt alle zwei Minuten.

Lösung: Eine Einschaltverzögerung von 5–10 Minuten und eine Ausschaltverzögerung von 15–20 Minuten. Der Schwellenwert zum Einschalten (z. B. 40.000 Lux) sollte höher sein als der zum Ausschalten (z. B. 25.000 Lux). Diese Differenz heißt Hysterese — und sie ist der Unterschied zwischen einer nervigen und einer entspannten Anlage.

Fehler 3: Manuelle Bedienung wird komplett blockiert

Manche Installateure programmieren die Automatik so, dass manuelle Taster ignoriert werden, solange die Automatik aktiv ist. Das frustriert die Bewohner massiv — sie fühlen sich entmündigt.

Lösung: Manuelle Bedienung hat immer Vorrang, aber mit Timeout. Nach 1–2 Stunden ohne manuelle Bedienung übernimmt die Automatik wieder. So haben die Bewohner Kontrolle, ohne die Automatik dauerhaft auszuhebeln.

Fehler 4: Referenzfahrt nach Stromausfall vergessen

Jalousieaktoren wissen nach einem Stromausfall nicht, wo der Behang steht. Ohne Referenzfahrt (einmal komplett hoch) sind alle Positionen falsch — die Lamellennachführung zeigt in die falsche Richtung, Endlagen werden nicht erkannt.

Lösung: In der ETS-Parametrierung eine automatische Referenzfahrt nach Busspannungswiederkehr konfigurieren. Am besten nachts (3:00 Uhr), damit niemand gestört wird.

Fehler 5: Windgrenzwerte zu niedrig oder zu hoch

Zu niedrig: Die Jalousien fahren bei jeder Brise hoch — die Beschattung funktioniert an windigen Tagen praktisch nie. Zu hoch: Die Jalousien bleiben bei Sturm draußen und werden beschädigt.

Lösung: Realistische Werte (siehe Tabelle oben) und — ganz wichtig — die Windmessung an einem repräsentativen Punkt. Eine Wetterstation in einer geschützten Ecke misst weniger Wind als auf dem offenen Dach. Im Zweifelsfall einen Sicherheitsaufschlag von 20 % auf die Herstellerangaben abziehen, nicht aufschlagen.

KNX-Beschattung nachrüsten — geht das?

Ja, mit Einschränkungen. Wenn bereits elektrische Antriebe in den Behängen verbaut sind (230V-Motore), brauchen Sie nur KNX-Jalousieaktoren im Schaltschrank und eine Wetterstation. Die vorhandene Verkabelung (Motorleitung vom Schaltschrank zum Fenster) bleibt.

Wenn aktuell keine elektrischen Antriebe vorhanden sind: Das wird aufwändig. Gurtwickler durch Motore ersetzen, Leitungen legen — das ist eine Handwerker-Aufgabe, kein KNX-Thema.

Eine Zwischenlösung: KNX RF Jalousieaktoren (Funk). Sie sitzen direkt am Motor und kommunizieren per Funk mit dem KNX-System. Kein neues Kabel zum Schaltschrank nötig. Der Nachteil: Funk ist immer weniger zuverlässig als Kabel, und die Auswahl an Aktoren ist kleiner.

Mein Rat: Wenn Sie ohnehin eine KNX-Nachrüstung planen, ziehen Sie die Jalousie-Verkabelung gleich mit. Ein Elektriker, der die Wände für den Busverkabelung öffnet, kann die Motorleitungen im gleichen Arbeitsgang legen.

Wie wir ein Beschattungsprojekt zusammen angehen

Beschattung ist eines der KNX-Themen, bei denen die Planung mehr zählt als die Programmierung. Die Programmierung selbst ist Standard — 80 % der Parameter sind bei jedem Projekt gleich. Aber die restlichen 20 % — die fassadenspezifische Konfiguration, die Windgrenzwerte, die Szenen — machen den Unterschied.

Schritt 1: Bestandsaufnahme. Welche Fenster gibt es? Welche Himmelsrichtung? Welche Behangtypen sind verbaut oder geplant? Gibt es Dachüberstände, Balkone, Nachbargebäude, die Schatten werfen? Ich mache das vor Ort — Fotos, Maße, Kompassrichtungen.

Schritt 2: Fassadenkonzept. Jede Fassade bekommt ihr Profil: Azimut-Bereich, Helligkeitsschwellen, Windklasse, Prioritäten. Bei komplexeren Gebäuden (L-Form, verwinkelt) kann es 6–8 verschiedene Profile geben.

Schritt 3: Szenendefinition. Wir besprechen: Wie soll der Alltag aussehen? Morgens, mittags, abends, nachts? Was passiert bei Abwesenheit? Gibt es Kino-Szene, Gäste-Szene, Party-Szene? Ich frage gezielt — die meisten Bauherren denken an 2–3 Szenen, am Ende haben wir 6–8.

Schritt 4: Programmierung und Test. Die Umsetzung in der ETS dauert typischerweise einen Arbeitstag für ein Einfamilienhaus. Dann wird getestet — jede Fassade, jede Szene, alle Sicherheitsfunktionen. Windtest mache ich mit einem kalibrierten Handanemometer direkt an der Wetterstation.

Schritt 5: Feinabstimmung. Nach 2–4 Wochen Alltagsbetrieb gibt es immer Anpassungswünsche. „Die Westfassade beschattet zu spät." „Im Schlafzimmer hätte ich morgens lieber noch 30 Minuten Sonne." Das gehört dazu — und ist per Fernwartung in 15 Minuten erledigt. Gute Beschattung wird nicht einmal programmiert, sondern über die erste Saison feingetunt.

Häufig gestellte Fragen

Brauche ich für jede Fassade einen eigenen Helligkeitssensor?

Nicht zwingend. Eine gute KNX-Wetterstation hat einen omnidirektionalen Helligkeitssensor oder mehrere Sensoren für verschiedene Himmelsrichtungen. In Kombination mit der Sonnenstandsberechnung reicht das für die meisten Projekte. Separate Fassadensensoren lohnen sich bei sehr individuellen Beschattungsverhältnissen — etwa wenn ein Nachbargebäude vormittags Schatten wirft, aber nachmittags nicht.

Können Rollläden und Jalousien am selben Aktor betrieben werden?

Ja, solange der Aktor pro Kanal zwischen Rollladen- und Jalousie-Modus umschaltbar ist. Die meisten modernen Jalousieaktoren können das. Wichtig: Im Rollladen-Modus gibt es keine Lamellensteuerung — nur Auf, Ab und Stop. Im Jalousie-Modus kommen Lamellenverstellung und Nachführung hinzu.

Wie laut ist eine automatische Jalousie?

Elektrische Jalousie- und Raffstore-Motore erzeugen typisch 35–45 dB — vergleichbar mit einem Kühlschrank. Im Schlafzimmer nachts hörbar, aber nicht störend. Rollladenmotore sind etwas lauter (40–50 dB). Wenn die Morgenszene die Schlafzimmer-Rollläden hochfährt, hört man das — aber genau das ist ja der sanfte Wecker-Effekt.

Was passiert bei einem Stromausfall?

Die Behänge bleiben in der letzten Position stehen. Motore haben eine mechanische Bremse. Nach Stromwiederkehr macht das System eine Referenzfahrt und übernimmt den Automatikbetrieb. Wer im Stromausfall manuell fahren will, braucht Nothandkurbeln — die sollten bei Jalousien und Raffstores immer mitbestellt werden.

Wie oft muss eine Jalousiesteuerung gewartet werden?

Die KNX-Steuerung selbst braucht keine Wartung. Die Mechanik schon: Führungsschienen reinigen (jährlich), Lamellen auf Beschädigung prüfen, Motore schmieren lassen (alle 3–5 Jahre), Wetterstation reinigen (Regensensor, Windmesser). Bei meinen Wartungsverträgen ist ein jährlicher Funktionstest der Beschattung inklusive — alle Szenen durchfahren, Windgrenzwerte prüfen, Referenzfahrt auslösen.

Lohnt sich KNX-Beschattung auch ohne Klimaanlage?

Absolut. Der Komfortgewinn ist der Hauptgrund, nicht die Energieeinsparung. Räume, die sich nicht aufheizen, sind angenehmer — auch ohne Klimaanlage. In gut beschatteten Häusern liegt die Innentemperatur an heißen Tagen 4–6 °C unter der eines unbeschatteten Hauses. Das kann den Unterschied zwischen „erträglich" und „unerträglich" machen. Die Energieeinsparung ist ein willkommener Bonus — aber der Komfort verkauft das System.

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